Zwischen Information und Überforderung – GIL Apéro 2026

Professionelles Gruppenfoto in einem einladenden, rustikalen Innenraum.

Wer kennt es nicht? Man sitzt beim Frühstück und checkt auf Smartphone, Tablet oder Notebook erst einmal die Nachrichtenlage. Habe ich etwas verpasst? Muss ich etwas wissen? Die durchschnittliche Internet Nutzungsdauer einer erwachsenen Person lag 2025 in der Schweiz bei 5,7 Stunden am Tag. Bei den 20- bis 29-Jährigen waren es gar 8,4 Stunden am Tag. Wir leben in einer Flut von Informationen. Ob und wie wir diese filtern, verarbeiten oder gar wahrnehmen, muss am Ende ein jeder selbst für sich entscheiden. Ein spannender Vortrag anlässlich des Jahresapéros der Gewerblichen Industrie Liechtenstein (GIL) zeigte am 4. Mai 2026: Wie bei fast allem im Leben kommt es auch hier auf das richtige Mass an. Ein Zuviel ist schädlich. Ein Zuwenig aber ebenso gefährlich.

Wer rettet die Menschen aus der Informationsflut?
Alle Jahre wieder widmet sich der GIL-Jahresapéro einem spannenden Thema. Der Anlass soll nicht nur einem persönlichen Austausch mit Mitgliedern der Wirtschaftskammer sowie Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung dienen, sondern auch zum Nachdenken anregen. Das diesjährige Thema, «Schlechte News, starke Wirkung – warum und wie wir darauf reagieren», stand schon lange auf der Liste von GIL-Sektionspräsident Ivo Zuberbühler, wie er bei der Begrüssung verraten hat. Persönlich ist er davon überzeugt, dass der Medienkonsum einfach zum Alltag und Leben dazugehört. «In welchem Mass, muss jeder für sich selbst entscheiden.» Und mit dieser Feststellung nahm er quasi bereits voraus, was Referentin Ulla Autenrieth schliesslich bestätigte. Sie ist Professorin und Forschungsleiterin am Institut für Multimedia Production der Fachhochschule Graubünden und stellte ihr Referat unter den Titel: «Zwischen Information und Überforderung: Medienutzung in Zeiten von News Avoidance und Desinformation». Autenrieth stellte fest, dass die Menschen Informationen früher erst gefiltert und dann erst veröffentlicht haben. Heute sei es umgekehrt. Jeder könne zu jeder Zeit alles veröffentlichen – die Weitergabe von News habe sich von den professionellen Akteuren hin zum Individuum verlagert. Allein auf Youtube werden gemäss Autenrieth minütlich 500 Stunden an neuen Inhalten hochgeladen – das sind über 720 000 Stunden Material pro Tag. Deshalb müsse man sich die Frage stellen, wer oder was die Menschen aus der Informationsflut rettet. Die Professorin nannte an dieser Stelle Algorithmen als sogenannte Sortiermaschinen. «Wir brauchen sie. Denn nur sie können in dieser Flut Struktur bilden. Auch wenn sie nicht nur positiv belegt sind.» Die Theorie der sogenannten «Filter Bubbles», wonach sich jeder Internetnutzer in seiner eigenen Blase befinde, sei allerdings nicht korrekt. Vielmehr müsse von einem «Filter-Clash» gesprochen werden, in dem durchaus unterschiedliche Wahrnehmungen und Weltbilder aufeinanderprallen.

«Wer sich entzieht, fehlt der Demokratie»
Sicher gibt es einige Gründe, schlechte Nachrichten zu vermeiden. Aber es gibt auch gute Gründe, es nicht zu tun, wie Ulla Autenrieth aufzeigte. Für eine
Vermeidung gebe es individuelle und unterschiedliche Gründe, weshalb diesbezüglich unterschieden werden müsse. Fakt sei aber auch: «Wer sich der Information entzieht, fehlt der Demokratie.» News-Vermeidung bedeute damit auch automatisch weniger Partizipation. Weniger Vertrauen in die Politik. Und eine stärkere Polarisierung. Die Professorin machte auch Hoffnung mit Blick auf die Jugend, die im Zeitalter von KI vor ganz besonderen Herausforderungen steht. «Sie entscheiden sich nicht bewusst gegen eine Information – es sind oft die Formate, die sie nicht ansprechen.» Dennoch habe sich gezeigt, dass die Jugendlichen erkennen, dass das, was sie am meisten nutzen, nicht unbedingt vertrauenswürdig ist. Und dass qualitativ schlechte Information nicht nur ein Problem des Internets ist, zeigte Autenrieth am Ende des Vortrags am Phänomen des «Pink Slime» ebenfalls auf.

300 Minuten Bewegung – und soziale Teilhabe
Marc Risch, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, bestätigte, dass sich die aktuelle Entwicklung vor allem bei den Jugendlichen negativ niederschlägt. «Junge Menschen können all die Informationen besonders in sensiblen Phasen oft nicht verarbeiten. Kommt hinzu, dass sich das Gehirn bis zum Alter von 25 Jahren noch entwickelt.» Mehr junge Patienten würden deshalb an Zwangsund Angststörungen leiden, aber auch sogenannte «nicht-stoffgebundene Süchte» hätten zugenommen. Doch die Entwicklung müsse individuell und auch über die gesamte Lebensspanne betrachtet werden – denn in der zweiten Lebenshälfte zeige sich, dass einsame Menschen oft auch von den neuen Möglichkeiten im Netz profitieren würden. Risch weiss: «Glück hat auch mit Achtsamkeit zu tun. Und um Glück zu empfinden, müssen wir auch das Unglück kennen.» Am Ende müsse jeder seinen eigenen Weg mit einem gesunden Umgang finden. Generell empfehle er aber immer: Mindestens 300 Minuten aktive Bewegung pro Woche. Und:Teilhabe am sozialen Leben.

Liecht. Vaterland am 5.5.26 von Desirée Vogt