Seit 20 Jahren führt Jürgen Nigg die Wirtschaftskammer Liechtenstein. Ein Rückblick auf einen riskanten Start, und wie es nun weitergeht.

Mann in Anzug vor Wirtschaftskammer Liechtenstein, strahlt Professionalität und Freundlichkeit aus.

Als Jürgen Nigg am 1. Novem­ber 2006 seine Stelle als Ge­schäftsführer antrat, steckte die Wirtschaftskammer Liechten­stein im grossen Umbruch. «Eine Gewerbeorganisation ohne Pflichtmitgliedschaft? Die werden kein Jahr überleben», bekam er von Freunden und Aussenstehenden zu hören. Ein «Todeskommando» sei das, hiess es. Genau das hat ihn ge­reizt, sagt der Geschäftsführer rückblickend. Er wollte das Gegenteil beweisen.

«Dienen und leisten»

Das Rezept von Jürgen Nigg ge­gen das angenommene Versa­gen der neuen Wirtschaftskam­mer lautet: «Dienen und lei­sten». Die Kammer versteht sich als Anbieterin von guten Dienst­leistungen für die Betriebe im Land. «Sind die Mitglieder zufrieden, bleiben sie, und auch neue Mitglieder kommen dazu», ist der Geschäftsführer überzeugt. Die Mitgliederzahlen sind ein zweischneidiges Schwert: Pro Jahr kämen 30 bis 40 neue Betriebe dazu, unter dem Strich bliebe aber nur ein Plus von 10 bis 15, weil andere aufhören, keine Nachfolge fin­den oder ins Ausland gehen, erklärt Nigg. Austritte, weil ein Betrieb sich zu klein fühle, seien die Ausnahme. Kleine Firmen hätten weder eine Rechts- noch eine Personalabteilung, und ge­nau dort setze die Beratung und Dienstleistung der Kammer an. Bei einem Jahresbeitrag von rund 300 Franken für einen Kleinstbetrieb sei die Gegenlei­stung ein Vielfaches wert, ist der Geschäftsführer überzeugt.
Ein strategisches Ziel war es auch von Anfang an, das Dienst­leistungsangebot der Kammer zu verbessern. Hinter diesem Ziel steht Jürgen Nigg noch heu­te: Seit 2007 sind jährlich neue Angebote dazugekommen. Zu den sichtbarsten Projekten ge­hört 100pro!, ein Verbund, der kleine und mittlere Betriebe bei der Lehrlingsausbildung unter­stützt. Entstanden ist es aus einem Workshop mit Mitgliedern und dem damaligen Wirt­schaftsminister. Seit 2010 gibt es das Angebot, heute sind dort fünf Personen angestellt. «Zu Beginn war es ein Leuchtturm­projekt, und nun ein Erfolgsmo­dell, das ist ein Highlight», freut sich der Geschäftsführer. Eine weiterer wichtiger Punkt der Wirtschaftskammer betraf das Geld. Mit der Über­nahme der Rechte und Pflichten der alten GWK erbte die Kam­mer auch die Schulden. Nach knapp zehn Jahren seien sie voll­ständig abgebaut gewesen, in­zwischen habe sie ein Polster von fast 800 000 Franken auf­gebaut. Jürgen Nigg will das als Beleg verstanden wissen, dass die Kammer gesund dasteht und «es eben kein Himmelfahrts­kommando war».
Für Nigg ist auch das Be­triebsumfeld im Haus wichtig: Elf Mitarbeitende teilen sich 800 Stellenprozente, mehr als die Hälfte ist seit über zehn Jah­ren dabei. In 20 Jahren habe es nur drei personelle Wechsel ge­geben, und die seien von lang­jährigen Mitarbeitenden ausgegangen, die etwas Neues suchten. «Das Konzept der Wirtschaftskammer stimmt», schliesst Nigg daraus.

Blau statt Rot oder Schwarz

Bevor Jürgen Nigg zur Wirt­schaftskammer wechselte, war er in der Industrie tätig und drei Jahre lang Generalsekretär der VU. Die Frage, wie er parteipoli­tische Einflüsse fernhält, beant­wortet er mit seiner eigenen Ge­schichte. Schon früh habe er den Gremien klargemacht, dass in der Wirtschaftskammer Partei­werbung nichts verloren habe. «Unsere Partei heisst Wirt­schaftskammer», sagt er. Man sei «die Blauen», nach dem Blau im Logo. Ob jemand privat einer Ortsgruppe angehöre, sei seine Sache, man müsse das aber tren­nen können.
Das gilt auch im Umgang mit der Politik. Vor Landtagssitzun­gen lädt die Kammer alle vier Parteien zu einem gemeinsa­men Treffen ein und bespricht die anstehenden gewerberele­vanten Traktanden. Präsident, Vizepräsident und Geschäfts­führer kandidieren zudem nicht für den Landtag. Das sei nicht schriftlich festgehalten, funktio­niere aber. Sonst gingen Glaub­würdigkeit, Offenheit und Neu­tralität der Kammer verloren.

Es gab auch einige schwieri­ge Situationen, wie beispiels­weise die Zeit während Corona. Die Kammer führte schnell ge­trennte Arbeitsverhältnisse mit Homeoffice ein. Das sei zwar vorbildlich gewesen, aber dieEntscheidung sei doch etwas zu schnell gefallen. Es habe Geld gekostet und das Jahr schloss mit einem Minus. Gleichzeitig ist er stolz darauf, wie die Kam­mer in dieser Zeit für die Wirt­schaft da war, auch für Nicht­mitglieder. Im Nachhinein wür­de er das eine oder andere anders bewerten und nicht so schnell in Panik geraten.

Fachkräftemangel und die ewige Bürokratie

Der Geschäftsführer will einige weitere Herausforderungen, die die Wirtschaftskammer schon länger beschäftigen, un­bedingt bewältigen. Zum einen ist das der Fachkräftemangel, vor allem im Handwerk. Nigg nennt einerseits den demogra­fischen Wandel als Grund: Die Babyboomer gehen aus dem Beruf, die nachrückenden Jahr­gänge sind kleiner. Dazu kom­me andererseits das Image des Lehrberufs. «Die Tochter der Nachbarn geht ins Gymnasium, mein Kind soll also auch», be­schreibt er die Haltung vieler Eltern. Dabei sei die Lehre kei­ne Sackgasse. Weiterbildung bis zur Hochschule stehe offen, und wer einen Beruf gelernt habe, stehe nicht auf der Stras­se. Das Handwerk nennt er kri­sensicher, während er für Büro­berufe und manche BWL-Lauf­bahnen unter dem Druck der KI Fragezeichen sieht. Etwas Hoff­nung macht ihm der Blick auf die Bewerbungen bei 100pro!: Das Interesse am Gewerbe stei­ge «brutal». Auch die digitale Affinität der Jungen sieht er als Chance.

Ein weiterer Dauerbrenner ist die Bürokratie. Gerade kleine Betriebe verbrächten mehr als einen Drittel des Tages mit Formularen und Vorgaben, statt zu arbeiten oder Kunden zu gewinnen. Die Bürokratie sieht er nicht nur als Last für die Wirtschaft, sondern auch für den Staat selbst. Behörden bau­ten sich mit Richtlinien und Formularen ihren eigenen Auf­wand auf. Daten, die das Land längst besitzt, müssten Firmen immer wieder neu einreichen. Sein Wunsch ist ein Landespor­tal nach dem One-Stop-Shop-Prinzip. Zudem fordert die Kammer seit Langem bei jedem Gesetz eine KMU-Verträglichkeitsprü­fung, die finanzielle, personelle und weitere Auswirkungen auf kleine Betriebe untersuchen soll. Bisher stosse man dabei auf eine riesige Betonwand mit Armierungseisen, so Nigg. Er will trotzdem dranbleiben und bezeichnet die Kammer in die­sem Zusammenhang als «Wa­denbeisser». In jede Stellung­nahme der Wirtschaftskammer schreibe man: «KMU‑Verträg­lichkeit first», aber in der Reali­tät sehe das anders aus.

Arbeiten, solange es Spass macht

Gefragt, worauf er am meisten stolz ist, nennt er das Wirtschaftsmagazin «Unterneh-
mer». Die 200. Ausgabe steht an: 32 Seiten, gratis und mit kleinem Gewinn. Das Magazin geht auch an Unternehmer, die nicht Mitglied sind. Neben der Weiterentwicklung der laufen­den Projekte richtet er den Blick auch auf die Herausforderun­gen, vor denen die Wirtschaft steht.

Für die nächsten fünf Jahre hat er drei Punkte auf dem Zet­tel: die Betriebe fit machen für Digitalisierung und KI, ältere Fachkräfte im Berufsleben hal­ten und die Bürokratie abbauen, nicht nur bei den Unternehmen, sondern auch beim Staat. «Ich hoffe, dass ich das alles noch umsetzen kann», sagt er.

Bleibt die Frage, wie lange er seine Aufgabe noch wahrneh­men will. Ans Aufhören oder an Frühpension denkt Nigg nicht. Solange es Spass macht und er die Leistung bringt, macht er weiter. Als Verfechter eines höheren Rentenalters will er auch nicht in Frühpension. Die Menschen seien mehr als 15 Jahre älter geworden als bei der Einführung der AHV, seien fitter und die Medizin sei besser geworden, meint Nigg. Er hat einen Slogan für Arbeitnehmer über 60: «Wenn man mich braucht, dann arbeite ich weiter.»

Wirtschaftregional, 06.11.2026 von Laura Bernasconi

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