Wohnbauboom statt teurerer Preise

Die geplanten Baukosten in Liechtenstein sind stark angestiegen, die Zahl der Wohnprojekte blieb jedoch nahezu unverändert. Wir haben bei Köbi Steiger, Präsident des Baumeisterverbands, nachgefragt, wie dies zustande kommen konnte.

Im zweiten Quartal 2026 erteilte das Amt für Hochbau und Raumplanung insgesamt 173 Baubewilligungen. Mit geplanten Gesamtkosten von 132,9 Millionen Franken liegen die Investiti­onsabsichten rund 19 Prozent über dem Mittelwert der vergangenen drei Jahre. Der Haupttreiber dieser Ent­wicklung ist der Wohnbaubereich.

Für Wohnbauprojekte wurden im Berichtsquartal 112,8 Millionen Franken veranschlagt – ein Plus von 65 Pro­zent gegenüber dem Durchschnitt der letzten zwölf Quartale (68,3 Mio. Fran­ken). Gleichzeitig hat sich die Zahl der bewilligten Wohnbauprojekte mit 143 kaum verändert (Schnitt: 145). Was ist der Grund für die steigenden Bauprei­se? An den Material- und Arbeitskosten kann es nicht liegen, diese sind gemäss Baupreisindex lediglich um 0,1 Prozent gestiegen.

Ausnutzung der Grundstücke konsequenter ausgeschöpft

Ein Trend zu mehr Luxus sei für den Preisanstieg ebenfalls nicht verant­wortlich, erklärt Köbi Steiger, Präsi­dent des Baumeisterverbands, auf Anfrage. Die Qualität oder der Aus­baustandard habe sich innerhalb so kurzer Zeit nicht derart verändert, dass dies den Kostenanstieg erklären würde: «Grundsätzlich wäre es jedoch wünschenswert, wenn bei Bauprojek­ten wieder stärker die Qualität und nicht ausschliesslich die Kosten im Vordergrund stünden.» Die Ursache liegt vielmehr in einer effizienteren Bodennutzung: Bei neuen Projekten werde die zulässige Ausnutzung der Grundstücke konsequenter ausge­schöpft. Dadurch entstehen grössere Bauvolumen, was zu höheren Investi­tionssummen pro Bewilligung führt.

Der Trend zur Verdichtung und zu Grossprojekten ist zum einen auf das anhaltende Bevölkerungswachstum Liechtensteins von rund 0,9 Prozent pro Jahr zurückzuführen. Zum anderen erzwinge das wirtschaftliche Umfeld eine Verdichtung, um Projekte über­haupt finanzierbar zu gestalten, betont der Präsident des Baumeisterverbands. Insgesamt wurden im zweiten Quartal 166 neue Wohnungen bewil­ligt – der höchste Wert seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2015. Zum Vergleich: In den vorangegangenen drei Jahren wurden im Schnitt 66 Wohnungen pro Quartal genehmigt. Massgeblich dafür sind Grossprojekte: Allein bei fünf Bauvorhaben wurden jeweils 15 oder mehr Wohnungen bewilligt. Daneben dominiert das Bauen im Bestand: 120 der 143 Wohnbaubewilligungen betra­fen Veränderungsbauprojekte. Ob es sich dabei vorrangig um energetische Sanierungen handelt, lässt sich anhand der Daten nicht abschliessend beurteilen, denkbar seien jedoch Anpassungen an klimatische Veränderun­gen, etwa Nachrüstungen bei Beschat­tung, Kühlung oder Energieeffizienz, so Köbi Steiger.

Gewerbe hinkt hinterher, öffentliche Hand zurückhaltend

Während der Wohnbau auf Hochtou­ren läuft, zeigt sich der Sektor Industrie und Dienstleistungen verhalten. Die geplanten Baukosten lagen mit 14,6 Millionen Franken um 57 Prozent unter dem Dreijahresschnitt. Als Grund nennt Steiger das anspruchsvolle wirt­schaftliche Umfeld und den Wandel durch Technologien wie künstliche In­telligenz, die Geschäftsmodelle und Unternehmensstrukturen verändert. Auch der Bereich Infrastruktur ver­zeichnete mit 5,4 Millionen Franken Baukosten einen Rückgang von 37 Pro­zent. Eine Entwicklung, die Steiger an­gesichts des kontinuierlichen Erneue­rungsbedarfs bei Infrastrukturbauten als nur schwer nachvollziehbar be­zeichnet: «Es bleibt zu hoffen, dass sich dieser Trend wieder umkehrt», betont der Experte. Auffallend ist zudem die Verteilung der Auftraggeber: Während private Investoren mit 130,3 Millionen Franken überdurchschnittlich stark investieren, hielt sich die öffentliche Hand mit 2,6 Millionen Franken (Schnitt: 6,3 Mio. Franken) spürbar zurück. Trotz der Investitionen in Rekord­höhe im Bereich Wohnungsbau rechnet Köbi Steiger kurzfristig nicht mit sin­kenden Miet- oder Kaufpreisen. Zwi­schen der Erteilung einer Baubewilli­gung und der tatsächlichen Fertigstel­lung vergehe erhebliche Zeit. Bis die Einheiten auf den Markt kommen, könnten sich die wirtschaftlichen Rah­menbedingungen bereits wieder verän­dert haben, sodass die aktuellen Bewil­ligungszahlen vorerst keine spürbaren Preisveränderungen auslösen dürften.

Wirtschaftregional, 21.08.2026 (Corina Vogt-Beck)